Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen.
(Aristoteles)
SE® ist ein Ansatz, um auf körperorientierte und sehr behutsame Weise problematische oder traumatisierende, überwältigende Erfahrungen aus der Vergangenheit zu verarbeiten und die daraus entstandenen seelischen und/oder körperlichen Beschwer-den zu lindern. Es trägt dazu bei, aus dem Zustand einer permanenten „Alarm-bereitschaft“ und den Automatismen unseres Nervensystemes herauszukommen. Die Arbeit mit SE® unterstützt darin, wieder mehr inneren Raum zu gewinnen, sodass sich die ganz natürliche Fähigkeit unseres Körpers zur Selbstregulation und Selbstheilung entfalten kann. So können wir zukünftigen Herausforderungen wieder flexibler und selbstbestimmter begegnen.
Im Zusammenhang von Trauma denken wir vor allem an extreme Ereignisse wie Natur-katastrophen, Krieg, schwere Unfälle und Gewalterfahrungen. Somatic Experien-cing® fasst diesen Begriff jedoch weiter und versteht darunter alle Ereignisse und Zustände, die unsere individuellen psychischen Bewältigungsstrategien überstiegen und ein Gefühl von Überwältigung, Angst und Hilflosigkeit hinterlassen haben. Auch Schock-Ereignisse wie zum Beispiel Stürze, Unfälle, Diagnose einer schweren Krankheit, Operationen, Verlust eines nahestehenden Menschen oder pränatale Bedrohung im Mutterleib können traumatisieren. Länger andauernde Zustände in der Kindheit wie beispielsweise emotionale Vernachlässigung oder frühe Trennung von unseren Bezugspersonen sowie sich wiederholende Ereignisse wie ständige Beschämungen können die Ursache für Entwicklungs-Traumata sein.
Ob eine potenziell traumatische Situation tatsächlich traumatische Folgen hat, hängt jedoch von der Resilienz der jeweiligen Person ab und nicht primär von der Schwere der Belastung.
In SE® wird unter Trauma (griechisch: Wunde, Verletzung) nicht das Ereignis an sich verstanden, sondern die seelische und/oder körperliche Wunde, die es im Nervensystem hinterlassen hat und welche weiterhin wirkt. Oder anders ausgedrückt: Das Trauma besteht nicht im Ereignis an sich, sondern in den inneren Strategien, die sich daraus entwickelt haben.
Das Ereignis liegt in der Vergangenheit und kann nicht mehr verändert werden, aber auf seine Auswirkungen können wir im Hier und Jetzt Einfluss nehmen.
Unmittelbar nach dem Ereignis, aber auch noch Jahre später, können zunächst unerklärliche Symptome entstehen: auf körperlicher Ebene zum Beispiel Schmerzen, Schlafstörungen, Herzklopfen, muskuläre Anspannungsmuster, Verdauungsprobleme. Auf seelischer Ebene zeigen sich vielleicht innere Unruhe, Ängste, Gefühle von Hilflosigkeit und Überforderung, ständige Erschöpfung, hohe Reizbarkeit, Depressionen, Panikattacken, Albträume... Die Liste von möglichen Traumsymptomen ist sehr lang. Aber selbstverständlich steckt nicht hinter jedem dieser Symptome zwangsläufig eine traumatische Erfahrung.
Das kognitive Verstehen ist ein wichtiger Bestandteil von SE®. Um heilsame Veränderungen in Gang zu setzen, reicht es jedoch nicht aus zu verstehen, welche Erfahrungen aus der Vergangenheit uns heute noch Beschwerden machen und uns daran hindern, ein unbe-schwertes Leben zu führen. "Trotz aller Einsicht und allen Verständnisses, das wir entwickeln, ist der rationale Teil unseres Gehirns im Grunde nicht in der Lage, dem emotionalen Teil seine Sicht der Realität "auszureden"." (Bessel van der Kolk)
Es braucht vor allem das Lösen von den in uns angestauten Energien sowie das Verinnerlichen, Verkörpern neuer, stärkender Erfah-rungen.
Lösen angestauter Energien
Traumatische Erfahrungen belasten uns, weil die damals in der bedrohlichen Situation mobilisierten Energien in uns wie „eingefroren“ sind und unser Nervensystem seitdem wie in einem Alarmzustand verharrt. Um aus diesem permanenten Stresszustand heraus zu kommen, braucht es ein ganz vorsichtiges und schrittweises Lösen und Abbauen der im Trauma „eingefrorenen“ Energien. Bei einem Sturz-Trauma kann das zum Beispiel geschehen durch das zu Ende führen von schützenden Bewegungsimpulsen, die im Sturzgeschehen in uns initiiert wurden aber stecken geblieben waren, weil alles viel zu schnell ging. Entladung der angestauten Energien kann sich auch in einem Kribbeln, einem spontanen tiefen Atemzug oder in Tränen zeigen. Die eigentliche traumatische Situation müssen wir dabei nicht wieder erleben.
Diese Arbeit erfolgt im sicheren Rahmen unserer therapeutischen Beziehung: behutsam, langsam und in ganz kleinen Schritten, sodass das Nervensystem nicht wieder überwältigt wird. Wichtig sind dabei der Kontext des Hier und Jetzt sowie der Kontakt mit den eigenen Ressourcen - all dem, was uns in unserem Leben Wohlbefinden, Stärke und Zuversicht erleben lässt. Von diesem inneren Platz aus fällt es uns leichter, uns auch schwierigeren Themen zuzuwenden.
Raum schaffen für die Selbstregulation
Durch das Entladen der im Körper zuvor gehaltenen Spannung wird wieder Raum geschaffen für die natürliche Selbstregulation unseres Nervensystems - für das ganz natürliche Schwingen zwischen Aktivierung und Ruhe. Das Nervensystem gewinnt seine Flexibilität zurück und die Selbstregulation wird angeregt, sodass die uns von Natur aus gegebenen, ganz natürlichen Selbstheilungsprozesse wieder stattfinden können.
Verkörpern neuer Erfahrungen
Außerdem brauchen wir im Kontext mit der traumatischen Situation neue Erfahrungen im Hier und Jetzt, die uns ein Gefühl von Sicherheit geben - zum Beispiel indem wir der Frage nachgehen, was wir heute tun können, was damals nicht möglich war. Es ist von zentraler Bedeutung, dass wir diese stärkenden Erfahrungen verkörpern, das heißt mit ausreichend Zeit ihrer Wirkung im Körper nachspüren. „Somatic Experiencing®" steht schließlich für „körperliche Erfahrungen machen“. Nur dann können sie sich „setzen“ und sozusagen „jede Zelle erreichen“. Die alten Erfahrungen werden dabei nicht verschwinden, aber sie werden mit positiven Assoziationen ergänzt und auf neuronaler Ebene von den neuen Erfahrungen wie „überschrieben“.
Dazu schreibt Peter Levine, der Begründer von SE®: „Eines der Kernprinzipien von SE ist die Entdeckung neuer, positiver Körper-erfahrungen und die Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit, die dem Gefühl der überwältigenden Hilflosigkeit entgegen wirkt." Und: „Der Schlüssel zur Traumaheilung ist nicht, das Trauma wieder zu erleben, sondern neue Erfahrungen im Körper zu schaffen.“
Ein Trauma ist verarbeitet und integriert, wenn es zu einer Erfahrung geworden ist, die einen Platz in unserem Leben hat aber nicht länger unser Leben bestimmt. Wir können die Situation oder das Ereignis erinnern und darüber sprechen, ohne dass unser Nervensystem erneut in ein Überforderungsgefühl und damit in Stress gerät. Wir können auf ähnliche Situatonen wie die von damals wieder mit Flexibilität und Selbstbestimmtheit reagieren.
Nach und nach kann sich deshalb wieder ein Lebensgefühl von Sicherheit, Spielraum, Selbstbestimmtheit, Ganzheit, Verbundenheit und Lebensfreude einstellen.
Eine ausführlichere Beschreibung von Somatic Experiencing® finden Sie auch auf der Website von Somatic Experiencing® Deutschland e.V.
Angela Klein
Heilpraktikerin für Psychotherapie (Heilpraktikergesetz), Diplom-Biologin, Naturpädagogin