Trauma-Entstehung


Ebenso danke ich dem Leben, das uns immer wieder die Hand reicht und selbst tiefste Dunkelheit irgendwann zerspringen lässt wie Glas, damit die Scherben für uns das Licht einfangen. 

(Clara Maria Bagus in "Der Klang von Licht")

Die drei Überlebensstrategien Kämpfen, Flüchten und Erstarren

Der Ansatz von Somatic Experiencing® von Peter Levine basiert unter Anderem auf Beobachtungen von Tieren in freier Wildbahn. Diese lassen uns auch unsere Bewältigungsstrategien in und nach bedroh-lichen Situationen verstehen. 

Wenn wir solchen Lebenssituationen hilflos ausgeliefert sind, läuft in unserem Körper blitzschnell, ganz automatisch und instinktiv ein Notprogramm ab. Er setzt Stresshormone frei und mobilisiert Energien für die uns angeborenen drei Überlebensstrategien: Kämpfen, Flüch-ten oder Erstarren. Dazu gehören zum Beispiel das Ansteigen von Puls, Blutdruck, Atmungsintensität, muskulärer Anspannung, und das kom-plexe Denken macht instinktivem Handeln Platz.

Wenn wir erfolgreich kämpfen oder flüchten konnten und damit die zum Überleben mobilisierte Energie wieder vollständig abgebaut werden konnte, ist für den Körper die Gefahr vorbei: Das Nerven-system kann sich beruhigen und wieder entspannen. Diese automa-tische Selbstregulaton unseres Nervensystems ermöglicht uns normalerweise nach einer Bedrohung wieder in ein Gleichgewicht und in das Grundgefühl von Sicherheit und Handlungsfähigkeit zurück-zukehren.

Falls Kampf oder Flucht in der Situation jedoch nicht möglich sind, geht der Körper als Schutzreakton in eine Schreckstarre – vergleichbar der von Tieren im Totstellreflex. In dieser machen wir eine Erfahrung von absoluter Hilfl­o­sigkeit, völligem Ausgeliefertsein und großer Angst, die weitreichende Folgen auf körperlicher und seelischer Ebene haben kann. 

 



im ständigen Alarmzustand

In diesem ständigen inneren Alarmzustand kann unser Nervensystem nicht von selbst wieder in einen Zustand der Entspannung finden. Es ist wie erstarrt, hat seine natürliche Flexibilität verloren und kann sich deshalb nicht mehr selbst regulieren, kann also nicht mehr in angemessener Art und Weise zwischen Anspannung und Entspannung, Aktivierung und Beruhigung wechseln.

Als Folge davon reagieren wir auf ähnliche Reize wie die von damals zukünftig automatisch und unbewusst immer wieder so, als wäre die Gefahr noch da - auch wenn es keinen angemessenen Anlass mehr dafür gibt. Haben wir zum Beispiel einen früheren Hundebiss nicht gut verarbeitet, dann kann es sein, dass der Körper zukünftig den Anblick jeden Hundes automatisch und unbewusst mit diesem Biss verbindet und sich so wie damals in Lebensgefahr fühlt.

 

Traumatisierende Erfahrungen aus der Kindheit

Mit dem Ansatz von Somatic Experiencing® können wir auch verstehen, warum lange zurück liegende und nicht aufgelöste Erfahrungen aus der Kindheit noch im Erwachsenenalter ihre Auswirkungen haben können. Um uns als Kinder sicher fühlen zu können, müssen wir von unseren Bezugsperonen gesehen werden und darin bestätigt werden richtig und gut zu sein und ein Anrecht auf eigene Bedürfnisse zu haben. Wenn das nicht gegeben war und wir lernen mussten, unsere Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken weil wir uns als Kind nicht wehren oder nicht entkommen konnten, können unterschwellige Gefühle von Bedrohung und Hilflosigkeit unsere ständigen Begleiter werden. Nach schlechten Bindungserfahrungen im Kindesalter kann auf diesem "Nährboden" jedes Beziehungsproblem im Erwachsenenalter wie ein Trigger wirken und in uns das alte Gefühl von Alleinsein, Hilflosigkeit und Überwältigung auslösen.

 

Wenn die in der traumatischen Situation bereit gestellten Notfallenergien - warum auch immer - jedoch nicht erfolgreich eingesetzt und damit vollständig abgebaut werden konnten, dann bleiben sie in unserem Nervensystem gefangen und wirken weiter. Unser Körper ist dadurch weiterhin im Alarmzustand - auch wenn uns der Verstand sagt, dass die äußere Gefahr vorüber ist. So wird aus einem Zustand, der in der damaligen Situation und vorübergehend sinnvoll war, wird ein andauernder Stresszustand.

 

"Feststeckende Energien" treiben ihr Unwesen

Im Zustand einer Traumatisierung treiben die "eingefrorenen Energien", die ursprünglich mal eine sinnvolle Antwort auf eine als lebensbedrohlich erfahrene Situation waren, auf den Ebenen des Erlebens, Denkens, Fühlens und Handelns ihr „Unwesen“ und wir haben keinen bewussten Einfluss mehr darauf. Postraumatische Symptome sind der Versuch des Nervensystems, irgendwie mit dieser überschüssigen Energie umzugehen. So finden wir kaum mehr Ruhe und Entspannung und können nicht mehr angemessen, flexibel und selbstbestimmt auf das Außen reagieren. Wir stehen ständig unter Stress und können kaum Freiheit, Spielraum, Lebensfreude, Selbst-bestimmtheit und Verbundenheit erleben.

Peter Levine: "Traumasymptome werden nicht durch das äußere Ereignis verursacht. Sie entstehen, wenn überschüssige Energie nach dem traumatischen Ereignis nicht aus dem Körper entlassen wird. Es entsteht eine Dysregulation im vegetativen Nervensystem. Dies kann verheerende Auswirkungen haben auf Körper und Seele."

 

Die Arbeit mit SE® nutzt die natürliche Fähigkeit des Organismus, den im Körper gespeicherten traumatischen Stress zu entladen, um die Selbstregulierung wieder herzustellen und die traumatische Erfahrung abzuschließen.